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Die Entscheidung in der Rechtssache Centros bildet den Anstoß für eine grundlegende und mehrseitig ausgerichtete Untersuchung des Kapitalgesellschaftsrechts, also des Aktien- und GmbH-Rechts, mit den beiden inhaltlichen Schwerpunkten: Verbandsverfassung (corporate governance - Zusammenspiel von Gesellschaftern und Organen) und Vermögensordnung
(Finanzierung).
Ausgehend von der aktuellen Rechtslage in Österreich wird auf der Basis von vier Untersuchungsfeldern das Aktien- und GmbH-Recht im nationalen und europäischem Umfeld und unter rechtspolitischem Blickwinkel aufgearbeitet.
Diese vier Schwerpunkte sind:
(1) der rechtshistorische Teil;
(2) der rechtsvergleichende Teil;
(3) der europarechtliche Teil und
(4) ökonomische Überlegungen sowie ein rechtspolitischer Ausblick.
Rechtshistorische, vor allem aber rechtsvergleichende Einblicke - aus Rechtsordnungen innerhalb und außerhalb der EU - legen die Wertungen hinter den Bestimmungen offen, zeigen Regelungsanliegen auf und tragen dazu bei, Lösungsmodelle für parallele Fragestellungen der Organisation und Finanzierung von Kapitalgesellschaften nachvollziehbar machen.
Während der rechtshistorische Teil das Ziel verfolgt, die jeweilige nationale Entwicklung und Eigenheit der Regelungen im wirtschaftlichen und sozialen Umfeld zu erklären, steigert der Rechtsvergleich die Aufmerksamkeit für unterschiedliche gleichwertige Lösungen paralleler Fragestellungen und schärft den Blick für das eigene Recht. Darauf aufbauend sollen Grenzen und Gestaltungsmöglichkeit der EG-rechtlichen Rahmenbedingungen (Marktfreiheiten des EG-Vertrags und gesellschaftsrechtliche Richtlinien) ausgelotet werden. Die traditionell juristische Untersuchung wird um ökonomisch-funktionale Fragestellungen ergänzt.
Die Zwischenergebnisse aus den einzelnen Bereichen bieten die Basis für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem österreichischen Kapitalgesellschaftsrecht - unter Einbeziehung des Kapitalmarktrechts - in seiner europarechtlichen Einbettung. Generell soll der (deutsch-)österreichische Weg hinterfragt werden: Sowohl die Grundlagen der corporate governance, also die Zweiteilung in GmbH und AG als öffentliche beziehungsweise private Gesellschaft sowie das zweistufige Organisationsmodell der AG mit Vorstand und Aufsichtsrat, als auch der rote Faden des Kapitalgesellschaftsrechts, nämlich der Kapitalschutz mittels Mindestkapital und Kapitalerhaltung, werden einer kritischen Analyse unterzogen.
Das Forschungsvorhaben möchte durch die neu gewichtete Aufarbeitung der klassischen Fragen dieses traditionsreichen Rechtsgebiets einen Beitrag für einen Systemvergleich und auch Wettbewerb der nationalen Rechts- und Wirtschaftsordnungen leisten, um den Anforderungen der Globalität, der zunehmenden Ortsungebundenheit sowie der Dynamik der europäischen Integration gewachsen zu sein.
Das Team des START-Projekts unter der Leitung von Frau Prof. Susanne Kalss erarbeitet im rechtsvergleichenden Bereich sowohl umfassende Darstellungen der einzelnen europäischen Rechtsordnungen - mit den Schwerpunkten Organisations- oder Finanzverfassung - als auch länderübergreifende Themen. Forschungsaufenthalte in dem jeweiligen Land und in der Bibliothek des Max-Planck-Instituts Hamburg sowie Workshops mit externen Experten gewährleisten einen direkten und authentischen Einblick in die fremden Rechtssysteme.
Derzeit (November 2005) wird vor allem im rechtsvergleichenden Teil intensiv gearbeitet. Zwei der rechtsvergleichenden Arbeiten (Dänemark & Spanien) wurden bereits abgeschlossen und veröffentlicht, weitere drei (Frankreich, die Niederlande und Italien) sind weit fortgeschritten. Ebenso wurde die Übertragung von GmbH-Geschäftsanteilen in 14 europäischen Rechtsordnungen untersucht und in einem Sammelband herausgegeben.
Im rechtshistorischen Teil wurde eine monographische Untersuchung der Entwicklung des österreichischen Aktienrechts veröffentlicht. Im Dezember 2004 ist die Parallelarbeit zur Entwicklungsgeschichte des GmbH-Rechts erschienen.